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Worte

Wie konkret sollte der Inhalt eines Kunstwerks sein? Wann ist es Kunst, wann Politik?

Katharina Fritsch in der RP: „Mein Traum ist, dass die Kunst zur Kunst zurückkehrt und nicht als Illustration für Politik missbraucht wird. Jede Kunst ist politisch, aber Politik in der Kunst ist immer schlimm. Der Künstler, der nur Kunst macht, ist frei. Das ist das höchste politische Statement, dass er erlangen kann.“ Zum anderen Song-Dong in der Düsseldorfer Kunsthalle: seine großen duplizierten Polizisten, persönlich als seine austreibend, politisch als China-Polizei. Globale Themen und persönlicher Bezug, Körper als Bildmotiv, Seele als Inhalt. Die Gegenstände seiner Großmutter, persönlich als seine Großmutter und politisch als Leben in einer Chinahütte, Respekt und Gesichtswahrung.

Man bleibt bei seinem künstlerischen Tun von äußeren Dingen nicht unbeeinflusst, besonders in Krisenzeiten, und das ist auch gut so. Kunst und konkreter Inhalt schließen sich nicht aus, sie können in ein Verhältnis gebracht werden. Ereignisse auf ein abstraktes Verhältnis reduzieren, auf immerwiederkehrende Verhaltensweisen, den konkreten Zusammenhang nicht direkt erkennen lassen; Einstampfen auf Willkür, Ohnmacht, Schutz, Geborgenheit, die Einzelpersonen als Ausgangspunkt, vom Komplizierten ins Einfache und wieder zurück. Thematisch kann man alles machen, was im der Luft liegt und einen berührt, sich in einem festsetzt. Das Thema nicht zu konkret, konkrete Inhalte kennt der Betrachter häufig genauer als der Künstler; mehr das Verhältnis. Personen in Situationen, Reaktion und Überreaktion, wobei mir Anregungen aus der aktuellen Gegenwart als „erlaubt“ erscheinen. Jedoch: Jede Geschichte, jeden Gedanken hat jeder schon hundertmal gehört; es kommt mehr und mehr darauf an, wie man ihn erzählt. Ein erklärbares Bild ist logisch; wenn z.B. Verstörtheit dargestellt werden soll, und diese überzeugend rüberkommt, ist es ein logisches Bild, kein verstörendes Bild. Der Künstler wählt andere Mittel, er möchte Verstörtheit verstörend zeigen, nicht logisch.

Der Name der Künstlergruppe „Zero“ bezog sich auf die Rückzählung beim Raketenstart bis Null, der Name „Fluxus“ auf „alles ist im Fluss“; zur damaligen Zeit trieben sie „die Auflösung des klassischen Werkbegriffs“ auf die Spitze, was sich bei den heutigen „Werkreihen“ der noch agierenden Künstlern dieser Gruppen nicht fortgesetzt hat. Überhaupt, das Bild der innerlich zerrissenen Künstlerpersönlichkeit wurde weitgehend abgeschafft, der heutzutage erfolgreiche Künstler ist in sich ruhend. Reflektierendes, thematisches Arbeiten ist im Trend, Trendthemen bei zeitgenössischen Künstlern mögen sein: Future; Individuum und Massengesellschaft; Heimat; Die Rechte des Einzelnen; Das Recht auf Recht; Warum tun alle dasselbe, um sich als Individuum zu fühlen?; Nichts bleibt, nichts ist sicher, alles in der Schwebe, was in einem Moment zementiert erscheint, ist im nächsten fragil und zerbrechlich.

Inhalt grüßt Bildmotiv

Angeregt durch etwas, einen Gedanken, der das Bild trägt und das Motiv zu etwas anderem werden läßt. Eine Idee vom Inhalt als Grundrauschen. Größte Intensität entsteht häufig bei persönlichem Bezug; der Betrachter nimmt die Intensität auf, die der Künstler bei der Erstellung der Arbeit empfunden hat, mehr als den Inhalt.

Ein Bild kann ein Geheimnis innehaben; oder das Motiv als Paradox, das gar nicht aufgelöst sein will; oder etwas Überraschendes, ein Mann im Anzug, der im Wasser steht, nicht ein Mann in der Badehose; oder ein Glas Wasser – wichtiger als das Motiv selbst ist, was es assoziiert, aber beim Motiv selbst Details, immer präzise Details. Oder Figuren – ich erfinde Figuren; die Personen gab es vorher nicht. Personen, die erstarrt dastehen und assoziieren „da passiert irgendwas“ bzw. „da ist irgendwas passiert“. Ein stiller, spannungsgeladener Ausdruck, wie eingefroren. Meine Figuren haben etwas an sich, vom Thema unabhängig, sie sagen etwas aus, ohne konkreten Bezug zu nehmen. Praktisch. Ruhe, Spannung und Intensität in den Figuren, ein im Stillstand Rasender. Von mir ungewollt, reagieren die Figuren in meinen Bildern manchmal mehr, als dass sie agieren. Abläufe staunend beobachten, in einen Strudel geraten.

Layout, Objekt, Partials: die strukturierte Fläche, das Motiv und die realistischen Details. Kreuzweg-Motive: Personen, Gegenstände und äußere Form in einheitlichem Format. Realistische Elemente auf strukturiertem Grund als Träger von Gedanken. Sich für den Esprit des Bildes vorstellen, wo das Bild später hängt.

Die Bildtitel helfen, sich dem Konkreten zu entziehen; sie wirken durch die Syntax der Sprache, in der der Gedanke auftritt und schieben eine weitere Ebene zwischen Motiv und Inhalt.

Klare, plakative, durchgeplante Motive auf einem komplexen, vielschichtigen und spontan entstandenen Hintergrund im Spannungsfeld zwischen Zeichnung und Malerei als Träger von Gedanken. Die Linie, die Form, die Balance und die Ecken der Leinwand. Den Betrachter durch das kraftvolle Motiv abholen, seinen Kopf durch Details der Hintergrundstruktur beschäftigen und Antworten offenlassen.

Ein Bild sollte mit dem täglichen Leben zu tun haben; Dinge hervorkramen, die jeder kennt, die jedoch durch den Grauschleier des Alltags verdeckt werden. Eindrücke festnageln, die im Strom anderer Empfindungen davontreiben. Punktaufnahmen von Gedankenfunken. Das Thema als Malgrund nur grob anreißen, um die Gedanken beim Betrachter anzuschubsen. Wie ein guter Song: banal und komplex.

Meine persönliche Sicht auf die Dinge und der bildnerische Stil verbinden die Arbeiten, nicht ein durchgehend gleichbleibendes Thema. Die Aussage ist nicht nur das dargestellte Motiv, sondern sie ergibt sich aus der Kombination von dem Motiv, den inhaltlichen Assoziationen, dem malerischen Stil und dem Umfeld der anderen Arbeiten. Wenn ich dennoch ein zentrales Thema benennen soll, so wäre dies Aspekte der menschlichen Natur, wobei die Frage nach Gerechtigkeit immer wieder durchscheint.

Zukunft ist das neue, universelle Thema, speziell der jungen Künstlergeneration (FAZ). Das riecht nach Verantwortung und objektiver Richtigkeit, weg von schrägen Individualempfindungen des Künstlers. Die zerrissene Künstlerpersönlichkeit ist scheinbar passé, der moderne Künstler ist objektiv und in sich ruhend. Andererseits ist es der individuelle Künstler, der die Themen aussucht, der durch die Motive automatisch eine Richtung vorgibt, der mit der Hand die Linien zeichnet, dessen Persönlichkeit sich unbewusst im Stil widerspiegelt usw.. Man darf und sollte auch persönlich werden, da so die größte Intensität entsteht, sofern das Persönliche zum Allgemeinen führt (Katharina Fritsch). Historische Romane sind was für Schriftsteller der zweiten Reihe (Süddeutsche), insofern sollte das Bildmotiv reduziert und nicht zu detailliert sein. Interessant ist eine Bestandsaufnahme, eine wertfreie Darstellung von Verhältnissen oder Dingen, die dem Betrachter bekannt sind, deren Bedeutung jedoch in der Konfrontontation mit der Darstellung als Bild neu bewusst wird. Das Dahinter ist das Thema, das Motiv ist die Benutzeroberfläche (Eberhard Havekost); Kunst ist immer politisch (Tony Craigg), auch bei dem einfachsten Motiv. Das Motiv ist nur der Zucker, mit dem man die Leute auf die Tanzfläche lockt (Tal R).

Meine persönliche Sicht auf die Dinge und der bildnerische Stil verbinden die Arbeiten, nicht ein gleichbleibendes Thema. Thema ist alles, was einen bewegt; frei nach John Irving „Ich und wie ich die Welt sehe“ bzw. was mir relevant genug erscheint, erwähnt zu werden. Wenn man sowohl inhaltlich als auch bildnerisch auf seine innere Stimme hört, ohne die Impulsideen durch ein intellektuelles Für und Wider wegzubügeln, entsteht eine individuelle Form des Zusammenhangs und der Einheitlichkeit. Zehn Songs zu einem Thema auf einer CD zu machen ist ein Konzeptalbum, wie es in den 70ern aufgekommen ist. Meine Arbeiten sind eher eine CD, bei der der musikalische Stil in Verbindung mit der Art zu singen und dem individuellen Blickwinkel auf die Dinge das Album zusammenhält; wo der rauhe Sound der Band mit der näselnden Stimme des Interpreten und den analytischen, kritischen, leicht ironischen, teils humoristischen Texten einhergeht und diese Art der Verbindung das Konzept der Band darstellt. Die Themen können dabei breit gestreut sein, ohne dass das den Zusammenhalt stören würde.

Der Hintergrund wird Schicht für Schicht aufgetragen, eine Schicht kann das gesamte Bild bedecken oder nur einzelne Farbpunkte setzen, unregelmäßig wechselnd mit lasierenden oder deckenden Farben. Die Gestaltung der nächsten Schicht ergibt sich spontan nach der Trocknung der vorherigen. Das Gehirn entscheidet sich, arbeitet im Hintergrund, und teilt zu bestimmten Zeitpunkten bestimmte Ergebnisse mit. Das Material, mit dem das Gehirn arbeitet, sind nicht nur die gesehenen Schichten auf dem aktuellen Bild, sondern ebenso die davor gemalten Bilder und deren Entstehung sowie das bei anderen Künstlern Gesehene und die Gedanken darüber.

Der Stil, eine linare Zeichnung in dieser Größe zu verwenden, mag beim ersten Hinsehen an PopArt erinnern, jedoch spielt diese meist mit vorgefertigten Elementen, während meine Motive eigene individuelle Zeichnungen verwenden. Die Proportionen entstehen aus dem zeichnerischen Stil und unterscheiden sich von den Proportionen der Fotografie, die Weißform innen ist teilweise leicht anders geformt als die zugehörige Linie an der Außenkante und wird dadurch zum eigenen, hervorstechenden Element. Wenn viele Linien für ein Objekt nötig sind, werden die Linien dekorativ verteilt, manchmal werden Teile des Motivs als schwarzes Element definiert, die Umrandung fällt dann weg. Die Zeichnug wird meist mit einer weißen Linie umrandet, etwas stärker als die schwarzen Linien, die weißer ist als das Weiß der Innenflächen, bei denen der Hintergrund leicht durchscheint und das Element materialisiert.

Hintergrund und Zeichnung sind nicht nur stilistisch verschieden, sondern entstehen durch verschiedene Arbeitsweisen: der Hintergrund entsteht spontan, die Zeichnungen sind durchdacht vorgearbeitet. Insofern werden in den Bildern nicht nur zwei optisch verschiedene Stile, sondern auch zwei unterschiedliche Herangehensweisen kombiniert und deren Ergebnisse für den Betrachter sichtbar. Bei BAB entwickelte – zu ihren erfolgreichsten Zeiten – die Band unter der Leitung von Major erst die Musik, die Songs mit Melodie, Rhythmus, Arrangement usw. ohne Nideggen, gab dann Nideggen das Tape, und er machte seine Texte, die er dann später auf das fertige Tape sang. Eine ungewöhnliche Arbeitsweise, vergleichbar damit, erst Hintergründe zu entwickeln, ohne das spätere Motiv zu kennen, und nachher Motive draufzusetzten. Wobei der Kopf im Hintergrund schon wissen mag, welche Motive später entstehen.

Ein dadaistisches Malergedicht

Ihr dürft gerne in meinem Kopf spazierengehen.
Das schlafende Unbewusste fördern.
Alle Sympathien gehören dem, den die Leser verstehen können, auch wenn er ein Gangster ist, sofern sie sich in ihm wiedererkennen. Man muss den Betrachter „abholen”.
Warum die Menschen oft das Gegenteil von dem tun, was sie wollen, über die menschliche Geschichte als ein Kette von Missverständnissen und Blutbädern und über die Illusion des moralischen Fortschritts; wie sich Kontinuität und Wandel zueinander verhalten.
Der Welt auf den Zahn fühlen.
Jedes der Werke zählt für sich allein.
Realistische Elemente als Zitate der Wirklichkeit bilden den Rahmen.
Inventur. Was war, was ist.
Arbeite groß. Vertraue Deinem Instinkt, vertraue Deinen Zeichnungen.

Dubuffet: Die einstmals schockierende Bildsprache von Graffities und Schmierereien auf Pissoirs oder Häuserwänden findet in seinen Werken zu einer neuen Ästhetik. Das heute so zeitgemäße Verschränken von „high and low culture” findet hier ihren Ausgangspunkt.
Immer wieder hat er gefordert, Kunst müsse den Geist anrempeln um ihn in Bewegung zu versetzen.

Den Betrachter abholen, mit etwas das er / in dem er sich wiedererkennt; mit einem plakativen, klaren Motiv, das der Betrachter „einfach toll” findet.
Das Gehirn anstupsen, anstoßen, in Bewegung setzen, dann das Gehirn durch malerische Details beschäftigen und inhaltlich im Hintergrundmodus arbeiten lassen.
Auf dem Bild ist das Thema inhaltlich nur angerissen, es rückt bekannte Dinge nach vorne. Es überzeugt künstlerisch, nicht mit inhaltlicher Detailverliebtheit, sondern mit einer eigenen Ästhetik.
Mit welchem Thema habe ich mich als Künstler inhaltlich beschäftigt? Mit dem Individuum in der multikulturellen Konsumgesellschaft, mit den Theorien von Kant und Hegel oder mit griechischer Mythologie? Eher mit Aspekten der menschlichen Natur, verdeckt vom Grauschleier des Alltags. Und mit der bildnerischen Umsetzung des Themas auf einer rechteckigen Leinwand, um starke Bilder für allgemeingültige Inhalte zu malen, als eine Art bildnerisches Konzept. Einen Song über etwas machen. Das Bild hat mit irgendetwas zu tun, das ist erstmal der ganze dargestellte Inhalt; das Thema hingegen ist universell.

Es soll kraftvoll sein; der Betrachter soll das Bild toll finden, man sollte ihm zumindest die Möglichkeit geben, das Bild toll zu finden. Die so transportierte Emotion soll den Betrachter überreden, sich mit dem Thema zu beschäftigen.
Grundbedürfnisse des Menschen, Grunddinge des Lebens.
Grund.
Konzentriert und kompakt, Verdichtung.
Innenräume – Außenräume; Darstellung von äußeren Landschaften, die auch immer innere Landschaften sind. Inneres wird dargestellt, Äußeres dafür benutzt.
Spiegel der Zeit.
Es kann alles auch anders sein.

Inhaltliche und formale Ebene. Aufgreifen, was mich bewegt. Was mir auffällt, was sich im Kopf in den Vordergrund drängt.
Eine zu tiefe Beschäftigung mit geschichtlichen Stoffen, Sagen, Mythen o.ä. erscheint mir als Rückzug, Einigelung, Augen verschließen vor den Dingen, die einen real betreffen.

Ein Bild ist Gedanken über's Bildermachen, Kunst ist Gedanken über Kunst.

Es geht nicht darum, einen sachlichen Inhalt detailliert auflistend wiederzugeben. Themen wie Gerechtigkeit, Freiheit des Einzelnen, Ehrlichkeit, Leidenschaft, oder die Gegenteile anprangernd, neuerdings Umweltbewußtsein, Informationszeitalter, Individuum und Massengesellschaft, werden bei vielen Künstlern zum Motiv; jedoch sind die Motive nicht dazu da und nicht in der Lage, das Bewusstsein des Betrachters schlagartig zu ändern. Sollen sie auch gar nicht, eher fühlt man sich als Künstler diesen Themen verpflichtet. Durch die Wiederholung werden die Aspekte stetig ins Gehirn des Betrachters getröpfelt, die eigenen Arbeiten sind nur ein Tropfen. Jedoch ist nicht das Thema die Kunst, sondern das Bild darüber. Um aufsteigen zu können, muss man Ballast abwerfen.

Warum machen wir Bilder?

Textcollage aus Fremdzitaten mit eigenen Ergänzungen

Die menschliche Realität ist ein vielschichtiges Gebilde, das in seiner Summe von zahllosen Perspektiven und Interpretationen der Fakten gebildet wird, die zudem einem ständigen Fluss der Veränderung unterliegen. Gemeinschaftliche Überlegungen verbinden sich mit individuellen Vorstellungen und vermitteln im Ganzen die Idee einer in sich komplexen Gesellschaft. Die Kunst besitzt das Potenzial, diese Komplexität wahrnehmbar zu machen und ins Bewusstsein der Betrachter zurückzuspiegeln, ohne vereinfachend den Sinn zu beschränken. Es sollen Fragen zutage treten, die von allgemeinem Interesse sind – gepaart mit dem Versuch, der menschlichen Natur näher zu kommen.

Als malerische Collage durchdringen sich bei Mr. X intuitive und kontrollierte Bildelemente, die zusammen ein Ganzes mit durchaus poetischem, aber auch kritischem Deutungspotenzial ergeben. Die Komposition entsteht durch die Linie, die Form, die Balance und die Ecken des Blattes. Die Stilisierung der Formen und Motive zeigt keine Abkehr von der Wirklichkeit, sie greift die reale Übersteigerung und Verschränkung der Kontexte auf, die oftmals brachial aufeinander stoßen und auseinander treiben. Die erstarrten Verhältnisse werden durch den Zauber des genauen Hinsehens aufgebrochen. Mr. X folgt beim Entwickeln seiner Arbeiten einem nur teilweise reflektierten Gefühl.

Dabei lassen sich die Bildideen von Mr. X nicht in ein streng logisches Gedankengerüst einordnen, sondern folgen der Idee des Wanderns und Entdeckens, der Bewegung von einer Bildidee zur nächsten. Die Gedankenwanderung wird durch die Bildtitel verstärkt und überträgt sich auf den Betrachter, dessen Gedanken zu kreisen beginnen, um selbst Position zu beziehen.

Mr. X ist sehr bedacht darauf, dem Betrachter viel Raum zum Erforschen und Entwickeln der Interpretationsmöglichkeiten zu geben. Dies hat zur Folge, dass seine Arbeiten bei wiederholter Betrachtung immer wieder neue Sichtweisen eröffnen. Politisch aufgeladene Themen erfolgreich in Angriff zu nehmen erfordert einen Balanceakt seitens des Künstlers: Das Werk muss dem Betrachter zugänglich sein, aber dennoch seine Komplexität bewahren; es muss seine Botschaft kommunizieren und gleichzeitig zahlreiche Deutungsmöglichkeiten bereitstellen. Ein zu sanfter Umgang mit der Arbeit birgt das Risiko, dass die Botschaft nicht gehört wird. Ein härterer Ton wirkt zu schnell belehrend; ein Diktat tritt an die Stelle des ermunternden Dialogs. Er meistert diesen Akt der Balance mit großer Eleganz.

In einigen Arbeiten beschäftiget sich Mr. X mit existentiellen Themen und erörtert damit philosophische Themen menschlichen Lebens. Denn Fragen wie „Woher kommen und wohin gehen wir?“ lassen sich letztendlich nicht wissenschaftlich beantworten; Vergänglichkeit ist die Voraussetzung für Werden und Entstehen und bestimmt den Kreislauf und die Entwicklung menschlichen Lebens. Geburt und Tod sind darum auch für Mr. X keine Gegensätze, sondern bilden eine zusammengehörende Ganzheit.

Mr. X spürt in seinen Bildern einer Reihe dieser komplexen Mischformen gesellschaftlicher und persönlicher Konzepte nach. Er hat dabei in den letzten Jahren eine Bildsprache entwickelt, die durch den Einsatz von Bildzitaten und ein sich ineinander durchdringendes Wechselspiel von Vordergrund und Hintergrund den Bildinhalt spannungsvoll inszeniert.

Es gehört zur Faszination des Werks von Mr. X, dass es Fragen aufwirft statt mit fertigen Antworten daherzukommen; denn es gibt kein System, das allen politisch gerecht wird, aber man sollte nicht aufhören, danach zu streben. Bilder dürfen naiv sein und sich das Prinzip Hoffnung bewahren, auch wenn die Welt aller Hoffnung Hohn spricht.

Auch in der Bildrezeption kommt es zu einem solchen Kurzschluss von Vergangenem und Gegenwärtigem. So hat Mr. X eine Reihe altmeisterlicher Werke auf eine für die Malerei äußerst spannende Art interpretiert, indem er die Grundkomposition mit zeitgenössischen Figuren/Elementen in seinem persönlichen grafischen Stil umsetzt und somit die Motive in eine Art überzeitliche Gemeinschaft eintreten lässt.

Warum nicht die Grafiken nehmen und mit ihnen Malerisches entwickeln? Dadurch wird beim Arbeiten der Fokus auf den rein malerischen Aspekt verstärkt.

Figürlich-realistische Elemente werden zeichnerisch, wie aufgeschrieben, auf einen gestalteten Bildraum gesetzt, meist entsteht eher eine Art gemalter Collage als eine Raumillusion. Die bildnerische Atmosphäre wird zugunsten der Weiterführung einer figürlich-symbolischen Malerei zurückgenommen. Durch die spezielle Technik mit verlaufenden Farben werden Bildvordergrund und -hintergrund gemischt, sodass eine bildnerisch abstrakte Komposition entsteht. Natürlich hat die abstrakte Bildkomposition auch inhaltliche Bezüge: Wie er so dasteht, der Zwergenaufstand, blass, zitternd, vor einem seine Psyche reflektierenden Hintergrund. Der Weltendoktor schwebend, wie im All, jedoch farblich abstrahiert, die Bankerboys in emotionaller Turbulenz, die Weltkröte sich fortbewegend mit Hoffnungschimmern...

Der Pinselstrich wirkt kraftvoll, expressiv und spontan, offenbart aber bei genauerem Hinsehen eine ausgewogene und spannungsreiche Komposition von Farben, Strukturen und Bildelementen.

Die Bildelemente sind teils mit konkret sichtbarer Bedeutung, teils innovativ zusammengestellt, die Aussage ist trotz vorgegebener Richtung letztendlich dem Betrachter überlassen. Bei einigen Arbeiten wird gezielt mit Brüchen zwischen Erwartungshaltung und Sichtbarem gearbeitet, um die Irritation als Anlass zur intellektuellen Auseinandersetzung beim Betrachter zu setzen.

Die teilweise allgemeingültigen Bildinhalte treffen von außen auf mich ein, setzen sich im Kopf fest; sie werden durch die Auswahl und den Blickwinkel individuell. Die Anregungen für die Werke können teilweise aus historischen Bildern stammen, sie können sich sichtbar am Vorbild orientieren oder dieses negieren, so dass eine neue, malerische Komposition entsteht.

Die konkrete Bildsituation versucht häufig Aspekte der menschlichen Natur wertfrei zu zeigen. Die Inhalte meiner Arbeiten sind dem Betrachter bekannt; alle Empfindungen und Handlungsweisen der Menschen sind bekannt, vom Guten zum Bösen; historische und politische Bezüge weiß der Betrachter oft besser als ich. Jedoch streut der Alltag seinen Grauschleier über alles. Die Arbeiten rücken Dinge wieder in den Vordergrund, im besten Fall bleiben sie dort für einige Zeit. Dinge herauskramen und wieder ans Tageslicht bringen. Durch die malerische Behandlung wird der Inhalt erweitert, das Bekannte wird ins Unbekannte, das Konkrete ins Unbestimmte verwandelt.

Die grafischen Zeichnungen sind mit Aquarell, lasierenden Acrylfarben und Tusche auf Büttenpapier erstellt. Die Arbeiten sind stilistisch an modernen Holz- bzw. Linolschnitten und Lithographien orientiert.

Die realistische Perspektive wird weitgehend aufgelöst und durch eine Kombination der Elemente auf der Bildfläche ersetzt. Auch die Farbgebung ist häufig gegenläufig zur Realität. Es werden nur wenige, klar voneinander getrennte Farben pro Bild verwendet. Die Einschränkung, mit harten, klaren Linien und wenig Farben zu arbeiten, erzwingt die Herausstellung der typischen Merkmale des jeweiligen Objekts. Typische Formen der dargestellten Elemente verselbstständigen sich zu grafischen Formen, die in ähnliche oder gegensätzliche Beziehung zu anderen im Bild auftretenden Formen gesetzt werden.

Als Bildmotive werden Eindrücke, Lebensgefühle und -situationen verarbeitet. Meist entstehen erst Skizzen der einzelnen Elemente, die später zu einem Bild kombiniert werden.

Ich glaube, dass es für einen Künstler wichtig ist, möglichst viele Dinge aufzunehmen, aus privaten, sozialen, kulturellen oder politischen Bereichen. Ich mag es, wenn das Gehirn Schlüsse daraus zieht, die sich dann als Bildvorstellung entwickeln. Diese Bildideen bringe ich zu Papier, sie werden von mir nur teilweise bewusst reflektiert.

Die realistisch-stilisierten Arbeiten auf Leinwand sind akribisch mit feinem Pinsel gemalt. Nach farbiger, flächiger oder verlaufender Grundierung wird Schicht um Schicht aufgetragen, um die dargestellten Objekte zu modellieren. Die lange Maldauer der Bilder, ein langsamer, fast meditativer Vorgang, kann man beim Betrachten der Bilder erahnen. Der statische Malstil wird zu einem Teil der Aussage des Bildes, ein bewusster Ruhepol.

Der statische, meist zentrierte Bildaufbau unterstützt diesen Aspekt.

Die angewandte, altmeisterlich anmutende Technik mit schwerem, deckendem Farbauftrag erhält durch Spiegelungen, Schatten und Lichtpunkte eine überraschende Leichtigkeit.

Die Signatur ist als realistisch/plastisch anmutendes Objekt in die Bildkomposition integriert.

Die Bildmotive entstehen als Vorstellung beim langandauernden Malvorgang automatisch, sodass nach Fertigstellung eines Bildes eine Idee für das jeweils nächste Bild bereits vorliegt.